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Bericht vom ASH-Kongress


Die diesjährige Tagung der Amerikanischen Gesellschaft für Hämatologie (ASH) fand vom 1.12. bis 4.12.2018 in San Diego statt. Diesmal nahm das Thema Hämophilie meines Erachtens nicht so einen großen Raum ein wie im Vorjahr. Dies mag an meinem subjektiven Gefühl liegen oder daran, dass ich mich durch einen Sturz für einen kompletten Tag selbst ausgeknockt habe. Als ältererHämophiler sollte man auf den Boden und nicht in die Ferne schauen.

Was war neu? Daten zur Gentherapie, zu Hemlibra und – vielleicht besonders interessant – eine neue Methode, die Halbwertszeit von Faktor VIII stark zu verlängern.

SPARK Genstudie FVIII: George (Philadelphia) präsentierte Ergebnisse dieser Gentherapiestudie mit 12 Patienten (Alter 18 bis 52 Jahre), die ein AAV (Adeno assoziiertes Virus) als „Fähre“ erhalten hatten. Diese schleust das FVIII- Gen in die Zelle ein. Es wurden 3 unterschiedliche Dosierungen des Virus verabreicht. Ergebnisse: Keiner der Patienten entwickelte einen Hemmkörper gegen den jetzt im Körper produzierten FVIII, dessen Aktivität nach ca. einem Jahr zwischen 5% und 20% lag. Die Blutungen nahmen um 94% ab, der FVIII- Verbrauch sank um 95%. Es gab keine dauerhafte Erhöhung der Transaminasen (Leberwerte), jedoch erhielten 4 Patienten vorübergehend Kortison aufgrund kurzfristig stark gestiegener Leberwerte. Patienten mit HIV und bestehender Leberschädigung konnten an dieser Studie nicht teilnehmen.

Hemlibra® (Emicizumab) ist in Deutschland bereits für Patienten mit angeborener Hämophilie A und FVIII-Hemmkörper zugelassen und wird wahrscheinlich im ersten Halbjahr 2019 auch für Patienten mit Hämophilie A ohne Hemmkörper erhältlich sein.

Paz-Priel (San Fransisco) zeigte Daten zur Immunogenität von Emicizumab in Bezug auf die Entwicklung von sog. Anti-Drug-Antibodies (ADAs) auf. Von 398 getesteten Patienten wiesen 14 einen Antikörper gegen Emicizumab auf, wobei nur 3 dieser Antikörper ein neutralisierendes Potential hatten, und nur bei einem Patienten war der Antikörper derart, dass Emicizumab nicht mehr wirksam war.

Young (Los Angeles) stellte weitere Daten nach Erreichung des primären Studienendpunktes der HAVEN 2 Studie (Kinder mit angeborener Hämophilie A und FVIII-Hemmkörper) vor. Es wurde u.a. gezeigt, dass die Belastung durch die Behandlung für die Kinder sich deutlich reduzierte, da nicht mehr an jedem 2. Tag i. v. gespritzt werden musste, kaum noch spontane Blutungen aufgetreten sind und somit auch kein Target Joint (Zielgelenk) mehr bestand. Ein angenehmer Nebeneffekt war, dass bei 21 von 43 der kleinen Patienten, die zu Beginn einen Portkatheter brauchten, dieser entfernt werden konnte. Bei 2 der insgesamt 88 Patienten traten unter der Hemlibra®-Therapie noch Blutungen auf, die mit Bypass-Produkten (BPA) behandelt wurden. Im Vergleich zur vorherigen Therapie mit BPA konnte die Blutungsrate unter Hemlibra® aber um 99% reduziert werden.

US NIS Studie: Callaghan(Detroit) berichtete darüber, dass verschiedene Studien oft nicht vergleichbar sind, da Endpunkte, z.B. Blutungen, unterschiedlich definiert sind bzw. erfasst werden. Deswegen gibt es Bemühungen, neben klinischen Studiendaten auch REAL-World- Data (Daten aus dem realen Leben) zu erheben. Hierbei zeigte sich, dass die Anzahl der unbehandelten Blutungen v.a. bei Patienten mit Hemmkörper größer ist als diejenige in klinischen Studien, da 41% der Blutungen als nicht behandlungsbedürftig angesehen bzw. nicht behandelt wurden. Die Ursache hierfür ist unbekannt.

636 BIVV001: Wie macht man Faktor-VIII „haltbarer“, da dieser doch nach dem bisherigen Wissensstand maximal die Halbwertszeit des von Willebrand-Faktors (ca. 20 St.) haben kann? Forscher der Fa. BIOVERATIV haben eine erfolgsversprechende Methode gefunden (Konkle /Washington): Man baut ein neues, verändertes von-Willebrand-Bruchstück. An dieses bindet sich der rekombinante Faktor VIII, und gemeinsam sind die Teile so haltbar, dass nur noch einmal pro Woche gespritzt werden muss. Dieses neue Medikament wurde an 9 Patienten erprobt. Selbst jene, welche die geringe Dosierung erhielten, hatten nach einer Woche noch einen Talspiegel von mehr als 5%. Bald soll dieser Gerinnungsstoff in Zusammenarbeit mit der Firma SOBI an einer größeren Gruppe von Patienten getestet werden.

  • FVIII replacement therapy is fundamental to haemophilia A care
  • Early data for BIVV001 demonstrates high FVIII activity:

                                                       Single 25 IU/kg Dose                                               Single 65 IU/kg Dose
                                                       n=6
(cohort complete)                                                 n=2 (interim analyses)

Half-Life                                           38 hours                                                                      44 hourse

Average FVIII activity                       5 days: 12%                                                                5 days: 40%       
                                                       7 days: 5%                                                                  7 days: 18%

  • BIVV001 was well tolerated and not inhibitor development was observed

Bei Tagungen sind Gespräche zwischendurch oft das Wichtigste. So waren die „drohenden Wolken“ der Änderungen des § 47a und des §132i ein unerschöpfliches Gesprächsthema zwischen den Vorträgen und beim Frühstück.

Werner Kalnins