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Bericht vom ISTH


Auf dem diesjährigen ISTH-Kongress (9.-13. Juli 2017 in Berlin), der das erste Mal in Deutschland stattfand, war das Thema Hämophilie ein − wenn nicht sogar der − Schwerpunkt dieses bedeutenden internationalen Kongresses (9599 Teilnehmer, 3120 Abstracts, 131 Sprecher).

Häufig fiel die Entscheidung schwer, in welchen der parallel laufenden Vorträge man gehen sollte.

Die Entwicklung eines Hemmkörpers / Inhibitors ist die gefürchtetste und auch schwerwiegendste Nebenwirkung im Bereich der Hämophilie. Die Sippet-Studie brachte Anhaltspunkte dafür, dass die Verwendung plasmatischer Gerinnungsfaktoren zu Beginn der Behandlung von Kleinkindern ("PUPs") die Gefahr der Hemmkörperentwicklung reduziert. Bei einer zusätzlichen, nachträglichen Studie (Genanalyse) hierzu wurde das Risiko bei den Kleinkindern für die Bildung eines Inhibitors untersucht. Dabei zeigte sich Folgendes: Bei der Gruppe derjenigen Patienten, welche plasmatischen Faktor erhielten, trat nur dann ein Inhibitor auf, wenn diese ein hohes oder mittleres Risiko für die Entwicklung eines Hemmkörpers in der Genanalyse aufwiesen; bei der Gruppe der Patienten, welche einen rekombinanten Gerinnungsfaktor erhielten, traten Hemmkörper auch dann auf, wenn das genetische Risiko gering oder minimal für die Inhibitor-Entwicklung war.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die nachträgliche Untersuchung zu kritisieren und weniger aussagekräftig. Motto: Ich suche nach dem, was ich finden möchte.

Neben der Darstellung von Postmarketing-Studien der Gerinnungspräparate, welche in den letzten beiden Jahren auf den Markt gekommen sind, wurden insbesondere neue Therapieoptionen, welche andere Behandlungswege einschlagen, mit Ergebnissen vorgestellt.

Emicizumab, Roche u. Chugai: Studien Haven 1 und Haven 2: Hier wurden die Ergebnisse von Patienten mit Hämophilie A und zusätzlichem Hemmkörper im Erwachsenen- und Kindesalter dargestellt. Emicizumab wirkt nur bei Patienten mit Hämophilie A und wird subcutan gespritzt. Das Wirkprinzip ist in der Broschüre der DHG zu den neuen Gerinnungsfaktoren dargestellt.

In beiden Gruppen waren die Behandlungsergebnisse als überragend zu bewerten. Die Anzahl aufgetretener Blutungen wurden bei den Kindern um nahezu 100%Prozent reduziert (eine Blutung bei 20 Kindern) und bei den Erwachsenen um 79%.

63,9% der Erwachsenen hatten keine Blutung, aber nur 5,6% der Patienten, welche herkömmlich behandelt wurden (Bedarfsbehandlung mit FVIIa oder APPC). Im Prophylaxearm zeigten 70.8% der Emicizumab-Patienten, aber nur 12,5% der prophylaktisch mit FVIIa oder APCC behandelten Patienten keine Blutung.

Die Haven 3 Studie umfasst Patienten mit Hämophilie A ohne Inhibitor. Diese Studie ist noch nicht beendet. Deshalb konnten noch keine Zwischenergebnisse präsentiert werden.

Das Gerinnungssystem besteht aus zwei gegensätzlich wirkenden Mechanismen: einerseits Faktoren, welche die Blutgerinnung verstärken bzw. ermöglichen, und andererseits Stoffe, welche den Abbau von Gerinnungsprodukten beschleunigen (Thrombin- und Antithrombinbildung). Beide Seiten sollten in einem Gleichgewicht stehen. Bis jetzt wird jeweils der fehlende Gerinnungsfaktor hinzugegeben, um in etwa ein Gleichgewicht herzustellen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Seite von Stoffen zu vermindern, welche die entstandenen Gerinnungsprodukte wieder abbauen.

Zurzeit sind zwei Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung und auch bereits beim Menschen in der Testung: Concizumab (Novo Nordisk) und Fitusiran (Alnylam). Da von beiden Medikamenten noch keine Phase 3 Studienergebnisse vorliegen, lässt sich bis jetzt nur die Aussage treffen, dass die Zwischenergebnisse eindeutig Anlass zur Hoffnung auf positive Endergebnisse geben.

Gentherapie: Prof. Pasi zeigte überragend gute Daten eines kleinen Kollektivs von 7 Hämophilie-A-Patienten, die eine Gentherapie, entwickelt von Biomarin, erhielten. Bei 6 Patienten konnte der FVIII-Spiegel vollständig normalisiert werden. Beim siebten Patienten lag der FVIII-Spiegel bei etwas unter 50%. Ähnlich gute Ergebnisse konnten auch bei der Hämophilie B in einer Studie von Sparks/Pfizer erzielt werden. Die Patienten wiesen FIX-Spiegel zwischen 30-40% auf.

Faktor VIII mit verlängerter HalbWertZeit

SOBI: Weltweit erhalten ca. 5000 Patienten Elocta, das FVIII-Produkt der Firma Sobi. Die Zahl der Injektionen konnte durch die verlängerte HWZ um ca. 30% reduziert werden (jeden 3.-5. Tag eine Injektion), wobei sich eine sehr gute Wirksamkeit und Verträglichkeit zeigte. Weiter ist häufig nach OPs ab dem ersten postoperativen Tag nur die einmalige Gabe des FVIII erforderlich. Und jeder Piekser weniger zählt.

CSL: Neben den Ergebnissen des klinischen Studienprogramms mit Afstyla (FVIII mit verl. HWZ) wurden die Ergebnisse zu Idelvion (FIX mit verl. HWZ) präsentiert. Beim FVIII konnte die Injektionshäufigkeit in den meisten Fällen auf 2-3mal pro Woche reduziert werden. Verträglichkeit und Wirksamkeit waren gut. Beim FIX lagen die Dosierungsintervalle bei 7,10 oder 14 Tagen. Die Rate der Spontanblutungen sank gegen Null.

Weiter wurden Daten aus Tierstudien vorgestellt. Durch Kopplung eines rekombinanten vWF an ein Albumin konnte die HWZ von FVIII deutlich erhöht werden.

Weitere Informationen erfolgen in den Hämophilie-Blättern.

Werner Kalnins