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Klassifizierung

Das Von-Willebrand-Syndrom ist eine meist autosomal dominant vererbte Blutungsneigung, die durch den Mangel oder eine fehlerhafte Struktur des Von-Willebrand-Faktors bedingt ist. Es ist die häufigste vererbbare Blutstillungsstörung, deren Häufigkeit mit 0,8 bis 1,3% angegeben wird, wobei allerdings die meisten Träger des entsprechenden Gendefekts klinisch nicht auffallen. Die schwere Form des Syndroms ist mit der Prävalenz (Häufigkeit) von etwa 1-3 Erkrankungen auf 1 Million Einwohner sehr selten, so dass in Deutschland mit höchstens 250 Patienten zu rechnen ist. Insgesamt rechnet man für Deutschland mit etwa 10.000 behandlungsbedürftigen Patienten.

Das Erscheinungsbild des vWS ist sehr heterogen und wird in drei Typen eingeteilt, wobei der Typ 2 in 4 weitere Subtypen untergliedert wird (2A, 2B, 2M, 2N):

Der Typ 1 liegt bei einem teilweisen Mangel des vWF vor. Beim Typ 2 sind Struktur und Funktion des vWF gestört und beim Typ 3 fehlt der vWF völlig.

Nach einer aktuellen Untersuchung von Schneppenheim & Budde an 322 Patienten in Deutschland waren 36% (115) an Typ 1, 61% (196) an Typ 2 und 3% (11) an Typ 3 erkrankt, wobei die 196 Patienten des Typs 2 sich wie folgt auf die Subtypen verteilten:

Typ 2A: 89% (174)
Typ 2B: 6,5% (13)
Typ 2M: 2,5% (5)
Typ 2N: 2% (4)

Beim Typ 1 ist die Menge des vWF im Blut vermindert. Die Verteilung der Multimere ist meist normal und der vorhandene vWF zeigt eine normale Funktion. Die Vererbung ist fast immer autosomal dominant.

Beim Typ 2A liegt eine Verschiebung von den großen zu den kleinen Multimeren vor, so dass die großen Multimere fehlen und die kleinen vermehrt nachweisbar sind. Der Erbgang kann sowohl dominant als auch rezessiv sein, wobei ersterer überwiegt. Mehrere Mutationen sind bekannt, die entweder die Synthese der großen Multimere verhindern oder zu einem schnelleren Abbau dieser Multimere führen.

Der Typ 2B zeichnet sich durch eine erhöhte Affinität (Bindungsfähigkeit) des vWF zu den Thrombozyten aus. Dadurch bindet der vWF schon unter normalen Bedingungen, also in Abwesenheit einer Blutgefäßschädigung, an die Thrombozyten, was zu einem beschleunigten Abbau der beiden Komponenten führt. Hiervon sind am stärksten die großen Multimere betroffen. Der Erbgang ist dominant.

Die Bindung zwischen vWF und den Plättchen oder der verletzten Stelle (Kollagen) ist beim Typ 2M gestört. Die Multimerenstruktur ist bei diesem Subtyp, der dominant vererbt wird, normal, was durch das „M“ für Multimer zum Ausdruck gebracht werden soll.

Die Geburtsprovinz eines der ersten beschriebenen Patienten war Namensgeber des Typs 2N(ormandie), bei dem die Bindung zwischen vWF und Faktor VIII beeinträchtigt ist. Die Multimerenstruktur und alle Plättchen-abhängigen Funktionen bleiben dabei unbeeinflusst. Da jedoch der Faktor VIII durch den vWF nicht mehr stabilisiert werden kann, ist auch dessen Aktivität im Blut reduziert, normalerweise auf Werte <25%. Damit ähnelt dieser Subtyp der Hämophilie und kann mit ihr verwechselt werden. Der Erbgang ist rezessiv.

Beim Typ 3 fehlt der vWF völlig. Wie auch beim Typ 2N kann der Faktor VIII nicht mehr stabilisiert werden, was folglich zu einem Faktor-VIII-Mangel im Blut führt, bei dem die Aktivitäten meist unter 10% liegen, aber auch auf <1% abfallen können, was zu den Hämophilie-typischen spontanen Blutungen führt.
Im Prinzip handelt es sich beim Typ 3 wie beim Typ 1 um einen quantitativen Defekt, der aber im Gegensatz zum Typ 1 eine schwere Symptomatik zeigt und auch definitiv behandlungsbedürftig ist. Hierzu werden Von-Willebrand-Faktor-haltige Faktor-VIII-Konzentrate verwendet, was allerdings wie bei der Hämophilie das Risiko der Bildung von Allo-Antikörpern (Abwehrkörper) gegen den therapeutisch verabreichten vWF birgt. Jedoch wird die Häufigkeit für dieses Ereignis mit <10% angegeben.

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