spiegel.de -Artikel zur möglichen Aufhebung des Blutspendeverbots für Homosexuelle


Re: spiegel.de -Artikel zur möglichen Aufhebung des Blutspendeverbots für Homosexuelle

Beitragvon steffen arrow So 26. Jun 2016, 20:38

Hallo,

wir verweisen auf unsere Stellungnahme zu diesem Thema, welche im Hämophilie-Blatt 2/2014 veröffentlicht wurde.

Stellungnahme der DHG zum MSM-Ausschluss von der Blutspende

Blutprodukte und Plasmaderivate haben in Deutschland derzeit einen sehr hohen Sicherheitsstandard. Dieser gerät aus unserer Sicht durch die geplante Lockerung des Spenderausschlusses für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) in Gefahr. Daher haben wir, nicht zuletzt auf Anregung des Vertrauensrates, hierzu eine klare Stellungnahme verfasst und an alle relevanten Institutionen versandt. Uns geht es nicht um irgendeine Art von Diskriminierung, sondern darum, den erreichten hohen Sicherheitsstandard nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Hier der Brief, den wir an den Bundesgesundheitsminister, den Arbeitskreis Blut, das Robert Koch-Institut, Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut geschickt haben.

Sehr geehrter Herr Minister,

Patienten mit Hämophilie und anderen Gerinnungsstörungen haben seit mehr als 30 Jahren von der Entwicklung neuer Plasmakonzentrate durch eine sprunghafte Verbesserung ihrer Lebensqualität und Lebensdauer außerordentlich profitiert.

Profitiert haben auch immer die Hersteller dieser Produkte. Ökonomische Aspekte, die mit dafür verantwortlich waren, dass nicht rechtzeitig Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit der Blutprodukte eingeführt wurden, haben letztendlich zu einem der größten Arzneimittelskandale Deutschlands geführt. Innerhalb weniger Jahre wurden damals tausende Hämophile mit Hepatitis und mit HIV infiziert, eine sicher ungleich größere Zahl an übrigen Transfusionsempfängern. Seither
sind mehr als tausend Hämophile an diesen Infektionen verstorben und die Tragödie setzt sich voraussichtlich fort.

Die damaligen Ursachen sind Ihnen bekannt: Gewinnung von Plasma in so genannten „ Hot Spots“ (bis zu 90% in den USA), unzureichende Spenderauswahl und -testung, verspätete Einführung von Virusinaktivierungsmaßnahmen. Ein Fehlverhalten der Pharmaindustrie, von Blutspendediensten, der Aufsichtsbehörden des Bundes und der Länder wurde durch den Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages 1994 nachgewiesen.

Inzwischen hat sich viel getan: Wir haben heute eine hohe Sicherheit von Blutprodukten und Plasmaderivaten in Deutschland. Diese wird aus unserer Sicht durch die geplante Lockerung des Spenderausschlusses für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) wieder partiell ad absurdum geführt!

Die im Bundesgesundheitsblatt 9/13 veröffentlichte Stellungnahme (S. 12) des Arbeitskreises Blut des BMG zur „Befristeten Rückstellung von der Blutspende bei Personen mit sexuellem Risikoverhalten“, der wir nicht zugestimmt haben, bringt nach unserer Meinung keinerlei Sicherheits-Zugewinn und wird deshalb von uns entschieden abgelehnt.

Vielmehr zeigt die epidemiologische Entwicklung der letzten Jahre einen klaren Anstieg der HIV-Inzidenz bei MSM. Ungeachtet dessen soll nun die Zulassung einer Personengruppe mit nachweislich höherem Risiko, nicht nur im Hinblick auf HIV, sondern auch hinsichtlich einer Reihe anderer Erreger, die bei Blutspendern gegenwärtig noch nicht getestet werden und möglicherweise auch noch nicht bekannt sind, unter bestimmten Bedingungen liberalisiert werden.

Dafür wird das aus unserer Sicht zweifelhafte Argument einer „höheren Adhärenz“ (Kooperationsbereitschaft) ins Feld geführt. Letztendlich bleibt es aber ein „freiwilliger Selbstausschluss“ mit seiner nur allzu menschlichen Schwäche der Wahrhaftigkeit und des persönlichen Verantwortungsbewusstseins.

Wir bitten darum, nicht falsch verstanden oder interpretiert zu werden: Es geht hier nicht um irgendeine Art der Diskriminierung von Minderheiten – sonst würde das ja auch auf andere Ausschluss-Gruppen wie Alkoholkranke, Drogenabhängige, Prostituierte, Menschen mit längerem Aufenthalt in UK und sogar regelmäßig Blutprodukte „konsumierende“ wie wir Hämophilen selbst zutreffen –, sondern einzig und allein um die Sorge und unsere Forderung, den erreichten hohen Sicherheitsstandard nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen und damit möglicherweise eine weitere Katastrophe heraufzubeschwören.

Gerade auch die in den USA versäumten Maßnahmen Anfang der 80er Jahre, um Risikospender wie auch Homosexuelle von der Plasmaspende auszuschließen, haben zur Verbreitung von Aids durch Blutprodukte beigetragen.

Die Hämophilen haben durch die Versäumnisse der Vergangenheit überaus großes Leid erfahren. Wir sind keinesfalls bereit, Abstriche bei der Sicherheit der Blutprodukte hinzunehmen.

Die DHG appelliert deshalb namens ihrer 2300 Mitglieder an alle Entscheidungsträger, auch in dieser Sache ihrer großen gesundheitspolitischen Verantwortung gerecht zu werden.
Mit freundlichen Grüßen
Werner Kalnins, Dr. Wolfgang Voerkel
Schöne Grüße
Steffen Hartwig
DHG e.V. Vorstandsmitglied

Re: spiegel.de -Artikel zur möglichen Aufhebung des Blutspendeverbots für Homosexuelle

Beitragvon Gast arrow Mo 24. Okt 2016, 23:49

Guten Abend!

Ich muss hiermit der Erklärung von Werner Kalnins und Dr. W. Voerkel als Bluter, als DHG-Mitglied und Betroffener des Bluterskandals vehement widersprechen, auch wenn diese Erklärung auf Anregung des Vertrauensrates verfasst wurde.

Diskriminierung ist kein Mittel zur Erreichung eines noch so erstrebenswerten Zieles. Wir Bluter haben uns selbst lange gegen eine Diskriminierung zu wehren versucht. Aus diesem Grund ist es für mich unmöglich, eine Gruppe pauschal zu verurteilen. Ich bin 1987 bereits einmal aus der DHG ausgetreten, weil sie versuchte, sich als Interessengemeinschaft der Bluter gegen andere sogenannte Risikogruppen abzugrenzen. Das hat mich bereits damals völlig entsetzt, denn Ausgrenzung als Instrument geht nicht!
Im Transfusionsgesetz steht vor dem Satz, dass MSM von Blutspenden ausgeschlossen sind, noch etwas viel wichtigeres nämlich, dass alle Spender mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern vom Blutspenden ausgeschlossen sind. Ebenso sind Spender mit anderen Risikofaktoren, wie Infektionskrankheiten usw. ausgeschlossen. Das meint explizit nicht pauschal irgendeine ausgewählte Gruppe.

Mir drängen sich mit dieser Problematik eher ganz andere Fragen auf:
Warum ist es bis heute noch nicht verboten, Seren zur Herstellung von Impfstoffen und Medikamenten aus Spenderpools zu gewinnen?
Ist es nicht auch unter dem strengen Transfusionsgesetz mehrmals zu Infektionen gekommen, weil es wiederholt zu Verunreinigungen kam?
Warum setzt sich die DHG nicht ein für eine sichere Blutspendepraxis, die alle Spender mit einschließt?
Warum fordern wir nicht eine ärztliche Auswahl von Blutspendern, z.B. durch Hausärzte die ihre Patienten gut kennen?
In Bremen z.B. gab (gibt) es eine Blutspendestelle gegenüber des Hauptbahnhofs direkt neben einer Substitutionspraxis für Abhängige. Warum muss das immer noch so sein?
Der Bluterskandal wurde doch in erster Linie in seiner tragischen Dimension verursacht durch die Verantwortungslosigkeit von Politik, Behandlungszentren, Krankenkassen und Kontrollorganen, die die Katasthrophe früher hätten erkennen können. Ebenso spielte die Geldgier von Pharmaunternehmen und wer sonst noch alles Geld mit den Konzentraten verdienen wollte eine entscheidende Rolle.

Blutspender, die regelmäßig spenden, gehören zu den am besten medizinisch kontrollierten Gruppen, ob nun schwul oder nicht. Die Gefahr geht doch heute wie damals von den Spendern aus, die über Ihren Infektions-Status nicht Bescheid wissen. Deshalb sollten wir eine noch bessere gesundheitliche Aufklärung fordern und uns für eine regelmäßige freiwillige Testung in der gesamten Bevölkerung einsetzen. Es gibt immer noch Menschen, die die Blutspende als eine Möglichkeit für einen kostenlosen HIV-Test missbrauchen und damit ein erhebliches Risiko für die Empfänger in Kauf nehmen. Bei uns gehen die meisten Menschen nur zum Test, nachdem sie einem Risiko ausgesetzt waren.

Wir als Bluter fordern doch zur Zeit wieder die gesellschaftliche Solidarität im Rahmen der Fortführung der Stiftung. Genau aus diesem Grund sollten gerade wir es tunlichst meiden, andere Gruppen zu diskriminieren.
Statt Ausgrenzung sollte Qualität die oberste Prämisse sein – bei jeder Blutspende, bei jedem Medikament, bei jeder medizinischen Handlung.

Jürgen Möller-Nehring
jmn@planet.ms

PS: Vielen betroffenen Blutern wurde und wird im Rahmen der Aids-Hilfen von MSMs vorbehaltlos geholfen!!! Danke dafür!

Re: spiegel.de -Artikel zur möglichen Aufhebung des Blutspendeverbots für Homosexuelle

Beitragvon Gast arrow Do 27. Okt 2016, 22:10

Die Minderheiten-Gruppe der Bluter sollte sich dringend hüten, eine andere Minderheiten-Gruppe zu diskriminieren, besonders da:
- die infizierten Bluter zur Erreichung einer dauerhaften Entschädigungsrente die Solidarität aller brauchen,
- gerade die von den Schwulen initiierten Aidshilfen zu den größten Unterstützern der infizierten Bluter zählen.

Doris
wilma_d@arcor.de